Nur ein Traum – Interview mit Bärbel Bohley, Bürgerrechtlerin
Bärbel Bohley war die Galionsfigur des Neuen Forums. Bereits in den frühen 80-er Jahren war sie in der DDR politisch aktiv, unter anderem in der Gruppe „Frauen für den Frieden“. Im Zuge einer Dokumentarfilmproduktion sprach ich mit ihr über die euphorische Anfangsphase der Bürgerbewegung, nervige basisdemokratische Diskussionen und den dicken Bauch der CDU. Aus ihrer Sicht haben sich die DDR-Bürger 1989 nicht zugetraut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Frau Bohley, warum haben Sie und Ihre Mitstreiter 1989 das Neue Forum gegründet?
Bärbel Bohley: Niemand nannte sich in der DDR offiziell Opposition, aber man war in verschiedenen Gruppen aktiv. Wir haben zum Beispiel in den 80-er Jahren „Frauen für den Frieden“ gegründet. Auch wenn das alles sehr klein war, gab es ein DDR-weites Netzwerk von Oppositionellen.
Im Zuge der Ausreisewellen entschieden sich viele Menschen bewusst dafür, im Land zu bleiben. Und die wollten dann auch öffentlich sagen, was sie stört. Das ging durch alle Schichten. Dieser gesellschaftliche Druck veranlasste uns, das Neue Forum ins Leben zu rufen.
Was hat das Neue Forum damals von einer Partei unterschieden?
Bärbel Bohley: Die Ziele! Eine Partei hat immer ein Ziel, wohin sie geht. Unser Ziel war eigentlich, dass es einen Aufbruch in der Gesellschaft gibt. Wir waren der Meinung, dass man erst einmal ein Gefühl für demokratische Prozesse entwickeln musste und das konnte man am besten in der Bürgerbewegung. In den langen, manchmal nervigen Diskussionen gab es kein Tabuthema, keine Parteidoktrin. Und wir hatten keine Erfahrungen, wie man eine Demokratie aufbaut. Wir hatten nur einen Traum davon.
Wie sah die Netzwerkarbeit mit den regionalen Akteuren aus?
Bärbel Bohley: Nach der Gründung des Neuen Forums bildeten sich überall schnell thematisch arbeitende Gruppen. Leider war die Vernetzung noch nicht soweit fortgeschritten, den Andrang der Menschen, die mitwirken wollten, zu bewältigen.
Bei den intensiven Auseinandersetzungen auch innerhalb des Neuen Forums kristallisierten sich auch unterschiedliche Zielvorstellungen ab. Die einen waren für den basisdemokratischen Weg. Die anderen wollten eher der SED eine starke Partei entgegensetzen.
Wie erklären Sie sich das schlechte Abschneiden der Bürgerrechtsbewegung in der ersten freien Volkskammerwahl am 18.03.1990?
Bärbel Bohley: Der schnelle Zusammenbruch hat die Menschen beunruhigt. Und da stand die CDU als regierende Partei und Helmut Kohl als der große liebe Onkel und man vertraute sich ihnen an. In unsicheren Zeiten brauchen die Leute einen dicken Bauch an den sie sich lehnen können. Aber sie haben sich nicht zugetraut, den demokratischen Neuaufbau selbst in die Hand zu nehmen.
Es war auch ein Fehler, das Bündnis 90 zu gründen, weil damit das Neue Forum seinen Namen aufgegeben hatte. Zudem haben die West-Parteien mit ihrer starken Logistik massiv in den Wahlkampf eingegriffen und sich mit ihren Ost-Pendants vereinigt. Die Block-Parteien des Ostens waren aber im Grunde nicht besser als die SED. Dann hätte sich ja auch die SPD mit der SED zusammenschließen können.
Sehen Sie ihre damaligen Ziele heute teilweise verwirklicht?
Bärbel Bohley: Die Menschenrechte werden im Prinzip eingehalten, es gibt Presse-, Meinungs- und Bewegungsfreiheit. Aber wir haben keine transparentere Gesellschaft. Ich denke, dass die Kommunikation zwischen dem Volk und der Regierung genauso gestört ist, wie damals. Die Verantwortungslosigkeit ist heute sehr groß. Wer etwas verzapft, wie zum Beispiel aktuell in der Bankenkrise, wird nicht voll zur Verantwortung gezogen. Voll zur Verantwortung gezogen wird die Frau, die an der Supermarktkasse einen Flaschenzettel einsteckt. Recht kann man zwar einklagen, man kann es aber auch wegklagen, wenn man genug Geld hat. Und das hat mit der Gesellschaft, die ich wollte, gar nichts zu tun. Aber andere sind vielleicht zufriedener als ich…hoffe ich zumindest.
Auch wenn manch einer Bärbel Bohley in vielerlei Hinsicht Fatalismus unterstellen mag, so kann ich ihr doch in vielen Punkten zustimmen, wenn es um unsere heutige Gesellschaft als Produkt des Umbruchs geht. Leider reicht es nicht, ma eine Saison lang auf die Barrikaden zu gehen und es sich dann hinterm Herd bequem zu machen. Demokratie ist harte Arbeit. Vielleicht sogar härter als eine friedliche Revolution, denn sie erfordert große Ausdauer und die konstruktive Beteiligung von vielen.
